Die theoretische Basis

Soziales Lernen an unserer Schule – die theoretische Basis

Wenn man die Medien als Spiegel der „gültigen“ Ansicht über die Bedeutung von Schule betrachtet, so muss man glauben, dass ihre Aufgabe darin besteht, aus Kindern Qualitätsprodukte in Sachen „Wissen“ zu machen – wird Schule doch immer wieder unter dem Aspekt der „Qualitätssicherung“ und Leistungsförderung im Sinne einer überprüfbaren Wissensvermittlung dargestellt. Pisatests, zentrale Abschlussprüfungen, Zentralabitur, Kompetenzerwartungen sind die wichtigen Themen., die schulische Arbeit bestimmen sollen.

Selbstverständlich wollen wir an erster Stelle unsere SchülerInnen qualifizieren, so dass sie in diesen Bereichen gut abschneiden. Hierzu arbeiten wir kontinuierlich an der Unterrichtsentwicklung und neuen Lehrmethoden. Schon vor Jahren wurde „Lernen lernen“ als Unterrichtsfach und –prinzip eingeführt, um SchülerInnen eine größere Eigenständigkeit im Gebrauch von Lernmethoden zu vermitteln. Auch die Methodenkurse zur Erstellung von Facharbeiten in der Sekundarstufe II sind ein Schritt im Rahmen der Qualifizierung.

Das Erreichen der durch die Kernlehrpläne vorgegebenen Kompetenzen wird zusätzlich durch die Übermittagbetreuung, die Hausaufgabenhilfe durch OberstufenschülerInnen und das Patensystem unterstützt.

Aber ist damit allein ein umfassendes Lernen gewährleistet?

Ein Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“, wie Heinrich Pestalozzi es formulierte, erfordert mehr. Und nicht nur uns, sondern auch vielen Betrieben in der Wirtschaft ist ein soziales Lernen wichtig. Erfolg in Schule und Beruf hängt nicht mehr nur vom „Kopf“ ab; Lernen und Arbeiten werden stark von der sozialen Atmosphäre, in denen sie stattfinden, beeinflusst.

Darum liegt ein Schwerpunkt unseres Schulprogramms auch in diesem Bereich. Hierzu gehören zum Beispiel:

  • die Einführungswoche für die FünftklässlerInnen
  • „Streitschlichtung“, „Mediation“, die auf eine 15jährige Tradition zurückblicken
  • unsere Sozialcharta, die zum Schuljahr 2006/07 eingeführt wurde und von LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern gemeinsam konzipiert wurde
  • das Projekt „Ohne Gewalt stark“, das ebenfalls seit Jahren in Zusammenarbeit mit der Bochumer Polizei in der 8. Klasse durchgeführt wird
  • unser Angebot „Workshops mit Klassen“, die an ihrem Klassenklima arbeiten wollen, damit sich jeder wohlfühlen kann
  • unser „Friedenstag zum 8. Mai“
  • aber auch das oben erwähnte PatInnensystem, bei dem die Unterstützung der SchülerInnen der 5. Klassen auf dem sozialen Engagement der MitschülerInnen aus den Klassen 9 und 10 basiert.

Das Diversity-Konzept

Die Qualitätsanalyse hat uns bestätigt: Unsere Angebote in den Bereichen „Soziales Lernen“, „Personale Entwicklung“, „Umgang mit Regeln“, „Verhalten bei Regelverstößen“, „Workshops mit Klassen zum Klassenklima“ und vieles mehr wurden durchgängig als vorbildlich bewertet.

An unserer Schule war und ist uns stets wichtig, dass die Praxis des miteinander Umgehens gut funktioniert. Dass alle Mitglieder unserer Schulgemeinde im täglichen (Schul-) Leben erfahren und selbst aktiv mitgestalten, worauf wir uns in unserer Sozialcharta verständigt haben. Dahinter verbirgt sich ein erprobtes Konzept: das „Diversity Management“, auch „Managing Diversity“ genannt.

Diversity bedeutet Vielfalt. Sie bezieht sich auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Menschen. In allen gesellschaftlichen Bereichen begegnet uns diese Vielfalt, mit der wir uns täglich auseinanderzusetzen haben.

Diversity Management hat zum Ziel, die in der Vielfalt steckenden Potentiale als Ressource zu nutzen. Das geschieht nicht von selbst, sondern erfordert, dass Organisationen z.B. ihre Strukturen auf Chancengerechtigkeit überprüfen. Gleichzeitig wird ein Bewusstsein für Vielfalt geschaffen und dafür gesorgt, dass die nötigen Kompetenzen für den erfolgreichen Umgang mit Vielfalt erworben werden. Das Ziel ist ein wertschätzender Umgang miteinander, die Etablierung einer Kultur der Anerkennung.

Es gibt unterschiedliche Ausprägungen des Diversity-Konzepts. Die von uns gewählte bezieht sich auf die Ausrichtung „Diversity und Inklusion“ oder auch „Social Justice and Diversity“.

Was ist unter Diversity-Trainings zu verstehen?

Wesentliche Grundannahmen des Konzepts Diversity und Inklusion sind, dass

  • es für jede(n) einen Platz gibt
  • jede(r) ein Recht darauf hat, mit Wertschätzung behandelt zu werden
  • und dass das für alle Vorteile mit sich bringt.

In den Trainings geht es darum, diese Grundannahmen erlebbar zu machen. Menschen schaffen gemeinsam eine Atmosphäre, in der sie sich auch sehr sensible Dinge sagen können und so eine Kultur der Anerkennung entwickeln. Dazu muss jede(r) seinen/ihren Beitrag einbringen können, so dass Aushandlungs- und Verständigungsprozesse möglich sind. Natürlich werden dazu Kompetenzen gebraucht, die in unseren Diversity-Trainings entwickelt werden.

Wo ist die Verbindung zu unserer Schule?

Eine der Grundsatzerwägungen zur Sozialcharta unserer Schule finden wir in unserem Schulprogramm:

  • die Unterschiedlichkeit und Vielfalt unserer Schulgemeinschaft konstruktiv und kreativ zu nutzen.

Diese Grundlage sowohl für die Sozialcharta als auch für unsere Präventionsarbeit – vor allem mit ganzen Klassen/Kursen – weist das Diversity-Konzept aus.

Ende der 90er Jahre war dieser Ansatz in Deutschland noch wenig verbreitet. Wir haben uns dennoch mit der Zustimmung unserer schulischen Gremien sehr bewusst dafür entschieden, in unserer Arbeit nicht nur den Aspekt des Gendermainstreaming (Geschlechtergleichstellung), sondern den weiterführenden Ansatz des Diversitymainstreaming zu Grunde zu legen. Vielfalt als Ressource zu nutzen – als wesentliche Grundlage für eine Kultur der Akzeptanz – genau das ist das Ziel unserer Präventionsarbeit, wie z.B. bei:

  • Workshops zur Krisenintervention bei Konflikten
  • Workshops im Rahmen des Präventionsprojekts „Ohne Gewalt stark“ und „Ohne Gewalt stark – auch im Netz“.

Diese Workshops waren immer Diversity-Trainings und als solche ein wichtiges Instrument der Implementierung des Diversity-Konzepts an unserer Schule. Bei entsprechendem Bedarf können die Trainings auch Themen betreffen, die in der Jungen- und Mädchenarbeit verankert sind.
Es war ein bewusster Schritt, die hier beschriebenen Grundlagen und Prozesse zunächst nicht mit der expliziten Einführung eines Diversity-Konzeptes zu beginnen. Wir wollten so verhindern, dass ein theoretisches Konzept eher abschreckend wirkt. Vielmehr überzeugte die Umsetzung in die Praxis.

Unserer Erfahrung nach wird die gelungene Diversity-Arbeit in der Praxis sehr gut angenommen, denn sie bringt für alle Beteiligten Vorteile.

Die Präambel unserer Sozialcharta geht daher auch von einer diversity-gerechten Schule aus:

Ganz egal, ob wir Junge oder Mädchen sind, Mann oder Frau, ob unsere Eltern in Herne geboren sind oder gar in einem ganz anderen Teil der Erde, einer Religion angehören, arm oder reich sind, eine Behinderung haben oder nicht – wir alle wollen uns mit unseren Erfahrungen in die Schulgemeinschaft einbringen und unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten gemeinsam entfalten.

Begründung der Wahl des Diversity-Konzepts für unsere Schule auf dem Hintergrund der politischen Entwicklungen (von Gendermainstreaming zu Diversitymainstreaming)

In Deutschland haben wir seit 2006 das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG), das grundsätzlich einen Diversity-Ansatz erkennen lässt. Es ist entstanden im Zuge der auf europäischer Ebene schon Ende der 90er Jahre verfolgten Antidiskriminierungsregelungen. Nachdem zunächst das Verbot der Geschlechterdiskriminierung eine herausragende Stellung einnahm, folgten im Laufe der Prozessentwicklung die Dimensionen Alter, ethnische Herkunft, Religion/Weltanschauung, Behinderung und sexuelle Orientierung (wie auch im AGG verankert).

Unterschiedliche Ausprägungen der Schwerpunktsetzung von Gleichstellung und Antidiskriminierung haben sich in der Weiterentwicklung gezeigt. Auch der politisch eingeleitete Weg zur inklusiven Schule ist ein Aspekt dieser Entwicklungen, der unsere schulische Praxis betrifft.

Verfechter des Diversity-Konzepts haben einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Sie gehen davon aus, dass Antidiskriminierungspolitik keine Minderheitenpolitik ist. Alle Menschen haben ein Geschlecht, werden älter oder können körperliche und geistige Einschränkungen (Behinderungen) erfahren. Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft sind mehr und mehr Teil unserer Arbeits- und Lebensrealität. Wir erleben so vielfältige Überlappungen ganz unterschiedlicher Dimensionen in unserer Alltagspraxis. Die Perspektive des Diversity-Ansatzes ist in besonderer Weise dazu geeignet, dem gesellschaftspolitischen Ziel der Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen gerecht zu werden und so einer Kultur der Anerkennung den Weg zu bereiten – dem berühmten Adorno-Zitat entsprechend: „Ohne Angst verschieden sein können“1. Diesem Anspruch haben wir uns auch an unserer Schule verschrieben. Wie wir meinen, keine schlechte Grundlage für eine Schule auf dem Weg zur Inklusion.

Ingrid Hubbig, Juni 2013

Eine ausführliche Darstellung und Literaturverweise finden Sie unter http://www.hubbig.de

1 Theodor W. Adorno, Minima Moralia, S.131, Frankfurt a.M. 1951

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